Wort zur Woche

von Pfarrer Klaus Pfaller

Erst hörte es sich an wie ein dunkles und dumpfes Gewittergrollen. Doch die Sonne schien und der Donnerschlag mit anschließender Ruhe blieb aus. Dann ließ sich so langsam das Geräuschungeheuer in seinen Einzelheiten erfassen und identifizieren.

Ein nicht endender Zug von Motorrädern und Begleitfahrzeugen bewegte sich an am Samstag, 4. Juli, über den Mittleren Ring. Der Lärmpegel war unzumutbar und erfuhr seine regelmäßige Steigerung noch in Hupkonzerten und dem Aufheulen der vielen Motoren an roten Ampeln und anderen Haltepunkten. Rettungswägen, die auch in Abständen unterwegs waren, bekamen kaum eine Gasse. Fußgänger, Jogger und Menschen mit Kinderwägen taten sich sehr schwer an Fußgängerampeln den Slalom durch die lärmenden Ungeheuer auf dem Weg über den "Ring" zu schaffen. Es war ein Festival der Rücksichtslosigkeit.

Das Nachsehen in den Nachrichtenseiten klärte mich dann auf. Es handelte sich um eine nicht genehmigte Demonstration von 6000 bis 10 000 Motorradfahrern und ihrem Begleittross gegen befürchtete Fahrverbote, Verschärfung von Strafen für illegale Auspuffanlagen, die extra eingerichtet werden um noch lauter zu sein, sowie für mehr Restriktionen bei Geschwindigkeitsüberschreitungen. Die Liste der Beschwerden der "Freie Fahrt für freie Bürger" - Initiative ist sicher noch viel länger.

Der über fünf bis sechs Stunden ausgeübte Lärmterror mit eingeschlossener Lahmlegung des öffentlichen Verkehrs auf dem "Mittleren Ring" war natürlich auch ein klares Statement, das die Akteure zum Thema Klimaschutz und CO 2-Ausstoß abgaben. Auch die soziale Komponente, dass besonders die Bewohner der Wohnungen direkt am "Ring" Abgase und Lärm abbekamen und die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit hinzunehmen hatten, war nicht zu übersehen.
Es war eine Machtdemonstration von Verkehrsteilnehmern, die eine gewaltige und mächtige Lobby in Politik, Wirtschaft und Industrie hinter sich wissen und ihre scheinbar starke und unabhängige Individualität gerne durch den Boykott der allgemeinen Verkehrsregeln ausdrücken.

Ein Teilnehmer drückte das mit der Aufschrift auf seiner Motorradkluft deutlich aus. Eine Faust, die offensichtlich jedem und allem ins Gesicht schlagen kann, und darüber und darunter stand mit einem gotischen Schrifttyp, wie er besonders von Rechtsradikalen gerne benutzt wird: "Mein Leben - meine Regeln".

Wenn die Art und Weise der Straßenbenutzung zur Machtfrage und Machtdemonstration wird, sind Vernunft und Verstand ausgeblendet. Das ist auch der Punkt, warum eine Diskussion an dieser Stelle kaum noch möglich ist. Während in Holland und Frankreich gleichzeitig das Tempolimit auf Autobahnen herabgesetzt wurde um den Schadstoffausstoß zu minimieren, wird es in Deutschland mit dem regierenden Verkehrsminister nach eigener Aussage eine solche Begrenzung nicht geben. Darin drückt sich eine Geisteshaltung aus.

Geistige und geistliche Weite, die die "Goldene Regel" und den "Kategorischen Imperativ" kennt und achtet, wäre ein Segen. Für alle. Denn statt Lärmterror und brutaler Selbstdurchsetzung auf Kosten anderer würde endlich überlegt, wie wir friedlicher, entschleunigter, freundlicher und für Mensch, Umwelt und Natur verträglicher durchs Leben rollen könnten.

Gebet
"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut sei...",
sagt die Bibel.
Doch wer will das hören?
Oder gar mitdenken?

Wir erlebten am 4. Juli eine Machtdemonstration.
Die Akteure terrorisierten die Stadt über viele Stunden mit ihrem Lärm und Schadstoffausstoß.
An uns kommt keiner vorbei, das sollen alle bemerken.
Wir wollen rasen, laut sein, keine Beschränkungen hinnehmen.
Klimaschutz, kein Thema für uns.

Gott, lass uns aufwachen.
Unser Weg darf nicht rückwärts, sondern muss vorwärts gehen.
Zu mehr Einsicht, mehr Mitgefühl, mehr Menschlichkeit und viel mehr Rücksicht auf gute Lebensbedingungen für alle Menschen.

Du, barmherziger Gott, hast uns gesagt was gut ist.
Lehre uns. Leite uns. Mach uns wacher, menschlicher und klüger.
Mache uns den Weg vorwärts zum Herzensanliegen
und lass uns nicht über die breit ausgefahrenen Ellbogen
rückwärts stolpern und stürzen.

Amen!